(Ludwig Pfahls Vater ist gestorben. Nach der Beerdigung trifft man sich zum Leichenschmaus)

Das Cafe Laurentius war alt und düster. Auf den Tischen lagen bestickte Tischdecken. Die Stühle schrappten schrecklich laut auf dem gefliesten Boden. Vor dem Tresen war ein Buffet gerichtet, das zur Hälfte aus Kuchen und zur anderen Hälfte aus deftig belegten Brotschnitten bestand. Die Leute standen noch herum und warteten auf die Pfahls und beobachteten, wo die sich hinsetzten, weil das dann der Haupttisch wäre. Allerdings trennte sich die junge Frau Pfahl von den Ihren und wandte sich dem Mann zu, den keiner kannte, der in einem weinroten Wollpullover gekommen war. Ludwig hatte seine Mutter an der Schulter umfasst und führte sie zu einem Fensterplatz. Ihre beste Freundin setzte sich sogleich neben sie und dirigierte die anderen Freundinnen herbei. Pfahl setzte sich neben seine Mutter und Linda und Philipp blieben stehen, weil sie nicht wussten, ob sie sich ihrer Mutter oder ihrem Vater anschließen sollten. Da schob sich ein Mann zu Pfahl heran und gab sich als Vetter seines Vaters zu erkennen. Er sagte: „Dein Vater war der feinste Kerl in der ganzen Familie. Ich will dir mal eine Geschichte erzählen, die hast du bestimmt noch nicht gehört.“ Noch andere Menschen drängten hinterher und Pfahl wurde auf der Bank eingemauert zwischen dem Leib seiner Mutter und dem einer ihm fast völlig unbekannten Verwandtschaft.

Dabei musste er beobachten, wie Linda und Philipp sich an dem Vierertisch niederließen, an dem Annette und Bruno schon saßen und wie sich dort bald das lebhafteste Gespräch erhob, an dem insbesondere auch Philipp regen Anteil hatte, während hier am Haupttisch ein trauriger Erinnerungspfuhl herumschwappte.

Später fing Annette, die sonst nur mäßig trank, an, alkoholische Getränke zu bestellen. Bier für Philipp, Wein für sich, Linda bekam ein MezzoMix nach dem anderen. Bruno blieb bei seinem Mineralwasser.

Sie nahmen auch Kontakt auf mit dem Sechsertisch, an dem die Skatbrüder des Verstorbenen saßen. Annette hatte etwas zu ihnen herübergerufen, was Wallner nicht witzig fand. Pfahl konnte zwar kein Wort verstehen, aber Wallner war ziemlich aufgebracht und an Annettes Tisch lachten alle.

Nach ungefähr einer Stunde lichteten sich die Reihen und sie rückten zusammen und es saßen dann alle am Haupttisch.

„Du warst in Rom?“ Annette, die bei der Umzugsaktion einen ungünstigen Platz am anderen Ende des Tisches eingenommen hatte, musste sich weit nach vorn beugen, um ihrem Cousin ins Gesicht sehen zu können, „Was hast du da gemacht?“

„Nichts besonderes.“ Auch Bruno musste sich etwas verrenken, um an den Leuten, die zwischen ihm und seiner Cousine saßen, vorbei schauen zu können, „Ein bisschen Sightseeing, ein bisschen Bildungsurlaub.“ Die anderen Gespräche verstummten.

„Dann kannst du mir sicher weiterhelfen“, sagte Annette

„Ja, sicher, gern. Worum geht’s?“

„Na ja, man hört das ja jetzt überall und ich weiß nicht, ob ich das glauben soll…“

„Was denn?“

„Es klingt blöd, aber seit ein paar Wochen pfeifen das doch die Spatzen von den Dächern, nämlich, dass Rom an einem einzigen Tag erbaut worden ist.“

„So? Das hört man jetzt überall?“

Herr Wallner konnte das nicht auf sich beruhen lassen. Er rief dazwischen: „Das ist doch eine Redensart, die ist doch schon ganz alt und außerdem geht die ganz anders. Nämlich dass Rom eben nicht an einem Tag erbaut worden ist.“

„Was ist denn das für ein Blödsinn?“ unterbrach ihn Annette.

Wallner fuhr auf und sagte voller Entrüstung: „Frau Pfahl! Ich bitte Sie! Das ist doch allgemein bekannt, man sagt das doch, wenn etwas nicht gleich funktioniert, dann sagt man doch: Rom ist auch nicht an einem Tag…“

Annette hörte ihm nicht zu. Sie wandte sich an Bruno: „Jetzt sag doch mal. Du bist doch dort gewesen. Kann man das an einem Tag schaffen?“

Herr Wallner verdrehte die Augen, schüttelte erbost den Kopf und ballte die Fäuste in seinem Schoß.

Bruno wiegte nachdenklich seinen Kopf hin und her und meinte schließlich: „Ich glaube nicht. Wenn ich mir nur das neue Scheißhaus auf dem Petersplatz betrachte: allein dafür bräuchtest du mindestens einen Tag.“

„Aber du musst es ja nicht alleine tun“, warf Annette ein.

„Ach so? Du meinst, wenn alle zusammenhelfen…“

Bruno legte die Stirn in Falten. Dann streckte er den Zeigefinger in die Luft wie ein alter Klugscheißer und sagte: „Eines scheinst du aber nicht bedacht zu haben.“

„Und was bitteschön?“

„Na ja, wenn du behauptest, dass Rom in einem Tag erbaut wurde, dann…“

„Das behaupte ich doch gar nicht.“

„Na gut, dieser Spruch halt.“

„Okay…“

Bruno richtete erneut seinen klugen Zeigefinger in die Luft und sagte: „Bekanntlich stehen in Rom Gebäude herum, deren Alter ein paar Tausend Jahre auseinander liegt. Wie soll man denn an einem Tag ein Gebäude wie das Scheißhaus bauen, das, sagen wir, 3 Jahre alt ist und am selben Tag das Colosseum, das ja wesentlich älter ist. Wie willst du denn an einem einzigen Tag diese riesigen Zeiträume zwischen die Gebäude kriegen.“

Annette blies verächtlich Luft aus dem Mundwinkel: „Kein Mensch hat irgendwas von irgendwelchen Zeiträumen gesagt. Natürlich müsste man sich an die Reihenfolge halten. Also erst das Colosseum und dann das Scheißhaus.“

Bruno zog die Augenbrauen zusammen und presste die Lippen aufeinander. Es sah aus, als habe ihn diese Entgegnung entmutigt. Aber er ließ nicht locker: „Dann sag mir doch bitte mal, was mit den ganzen Gebäuden geschehen soll, die es mal gegeben hat und die es jetzt nicht mehr gibt. Ich meine, die gehören ja auch zu Rom. Müssten die dann auch gebaut, und zwischendurch wieder zerstört werden, oder was?“

„Jetzt nerv mich doch nicht! Woher soll ich das denn wissen? Ich habe dich einfach nur gefragt, ob du es für möglich hältst, dass man Rom an einem Tag erbaut hat.“

„Hm“, machte Bruno. „Ich kann es dir nicht genau sagen. Ich meine, wenn Rom schon anfängt Rom zu sein, wenn man die ersten paar Steine aufeinandergelegt hat, dann könnte man das sicher so behaupten.“

„Das ist akademischer Scheißdreck! Das meine ich nicht! Ich meine das schöne, große, alte Rom, von dem alle Welt behauptet, dass man da mal hinfahren muss.“

„Tja, dann ist das natürlich eine schwierige Frage. Sagen wir mal so: Unmöglich ist es nicht. Aber man müsste schon sehr früh aufstehen.“

„Um sechs?“

„Wahrscheinlich sogar noch früher.“

„Halb sechs?“

„Ja, halb sechs, das klingt gut.“

Herr Wallner schlug seinen Bierkrug mehrmals mit großer Kraft auf die Tischplatte und brüllte: „Das hör ich mir nicht länger an. Nicht am Tag der Beerdigung meines Freundes Herbert Pfahl!“ Als er „Herbert Pfahl“ brüllte, schlug er bei jeder Silbe auf den Tisch „Her“ „Bert“ „Pfahl“.

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