Ich schau auf die Uhr und denke, dass es Zeit ist, ins Bett zu gehen. Später klingelt es an der Wohnungstür. Ich schau auf die Uhr und weiß: dass es mein Nachbar ist.

Mein Nachbar ist der Einzige, dem ich es zutraue, um diese Zeit an meiner Türe zu läuten. Läutet es: Öffne ich. Es läutet, ich öffne und sage: Setz dich doch. Wir duzen uns. Ich erwarte nicht, dass er sich, anstatt neben mich, mir gegenüber setzt.

Wenn zwei an derselben Seite des Tisches sitzen, lassen sich gegenseitige Berührungen nicht vermeiden. Zufällige. Beim Herüberreichen der Kaffeekanne. Oder wenn einer beim Übereinanderschlagen seiner Beine in die unmittelbare Nähe der Beine des anderen gerät. Ich hasse es, der Drohung zufälliger Berührungen ständig ausgesetzt zu sein.

Ich besitze zwei Stühle. Wenn ich allein bin, stelle ich sie nebeneinander, um auf dem einen zu sitzen und den anderen als Ablage zu verwenden für Dinge, deren leichte Zugänglichkeit mir angenehm ist.

Unmittelbar, nachdem ich hierher gezogen war, in dieses Haus, in dieses im zweiten Hinterhof gelegene, tagtäglich beschattete Parterre, fing mein Nachbar an, mich heimzusuchen. Die Zufälligkeit seiner Besuche und die Unsäglichkeit seiner Erklärung, er käme, weil er zufällig vom Hof aus Licht bei mir gesehen hätte, ließ mich schon früh die Ausweglosigkeit ahnen. Wir reden nicht viel miteinander.

Die ganze Zeit, wenn er dasitzt und neben mir sitzt, bin ich angespannt. Er weiß es, und er sagt es. Sagt es so: Ich versteh gar nicht, warum du so angespannt bist. Dein beständiges Lesen müsste dich doch beständig beruhigen.

Ich denke, dass es nicht darauf ankommt, ob einer liest oder nicht. Das, was einer fürchtet, macht ihn nervös. Ich weiß, dass er mich ständig berühren kann. Ich denke, der einzige Grund dafür, dass er kommt, ist, mich zu bedrohen. Im Grunde hasst er mich. Weil ich lese, wenn es Zeit ist zu schlafen. Und ich hasse ihn, weil er mich bedroht, wenn es Zeit ist zu schlafen.

Ich wollte einen dritten Stuhl kaufen und ihn an der gegenüberliegenden Seite des Tisches aufstellen, um ihm Tag und Nacht mir gegenüber Platz zu bieten. Ich dachte, er wird den als Ablage benutzten Stuhl freizuräumen nicht die Stirn haben, wenn gegenüber ein freier Stuhl steht. Er kommt, um neben mir zu sitzen, um mich zufällig, in unregelmäßigen Abständen und das heißt: JEDERZEIT berühren zu können. Sieht er den neuen Stuhl, muss es ein Ende haben.

Aber ich wäre ruiniert, kaufte ich extra für ihn einen Stuhl, extra für seine Besuche, jederzeit bereit, ihm, den ich hasse, Platz zu bieten. Wenn er käme und sähe den neuen Stuhl, denke ich und höre ihn sagen: aha, du hast aufgegeben: nie wieder würde er kommen müssen, wenn er Licht sieht. Vom Hof aus. Zufällig. Sobald ich mich an den Tisch setzte, würde ich wissen, er kommt nicht. Neben mir würde ich den Stuhl sehen mit Büchern, Papier, Zigaretten und mir gegenüber den leeren, extra für meinen Nachbarn, der nie kommt, angeschafften Stuhl. Immer müsste mir der Gedanke kommen, er, der nur auf der Welt ist, um mich zu peinigen, hat mich, der ich aus freiem Entschluss zur Schlafenszeit wache, zu etwas völlig Überflüssigem gezwungen.

Vom Hof aus würde er Licht bei mir sehen. Er würde wissen, dass ich wache, dass ich über nichts wache, dass ich wache über der sinnlosen Leere eines jederzeit den peinigenden Zufall verhindernden Stuhls. Ich kaufe den leeren Stuhl nicht.

Es läutet, ich öffne, er eilt in die Stube.

Ich erwäge, nicht mehr zu öffnen, wenn es läutet. Ich würde es läuten hören und auf die Uhr schauen und würde wissen, dass er es ist. Weil er Licht gesehen hätte. Zufällig. Ich würde nicht öffnen und würde hören, wie er weggeht und würde wissen, was er denkt. Ich, der ich wache, wenn es für jedermann Zeit ist zu schlafen, würde er denken, halte es nicht aus, dass einer in unregelmäßigen Abständen sich die Möglichkeit verschafft, mir für kurze, aber unabsehbare Zeit mit jederzeit möglichen zufälligen Berührungen zu drohen.

Es läutet, ich öffne, er sitzt neben mir. Ich denke, dass er mich zugrunde richtet. Er denkt, irgendwann werde ich es nicht mehr aushalten. Ich bin angespannt. Er sagt: Ich versteh gar nicht, warum du so angespannt bist. Dein beständiges Lesen müsste dich doch beständig beruhigen.

Als ich mich nach den Zigaretten über den Tisch beuge, beugt er sich ebenfalls über den Tisch. Unsere Schädel schlagen dumpf aufeinander auf. Dieser Mann wird mich umbringen. Aber es ist noch nicht soweit. Nie wird es soweit kommen.

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